kerstin-andreae.de

22
Jun
11

Wirtschaftspolitische Antworten auf die Wachstumsdebatte

von Kerstin Andreae, Sprecherin für Wirtschaftspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied in der Enquete-Kommission des Bundestages „Wachs-tum, Wohlstand, Lebensqualität“

Herausforderung Klimawandel - Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsmodells

Miranda Schreurs, die Vorsitzende des europäischen Netzwerks der Umwelt- und Nachhaltigkeitsräte EEAC schreibt in der Themenzeitschrift der Böll-Stiftung zu Wachstum: „In den 90ern hatte die Weltgemeinschaft angefangen, die Realität von Klimawandel, Versteppung, Verlust von biologischer Vielfalt und Entwaldung anzuerkennen. Seitdem wächst auch die Sorge über den Rückgang der Fischbestände, die zunehmende Meeresverschmutzung u.a. durch Plastikmüll, den Trinkwassermangel und persistente organische und anorganische Schadstoffe“. (Schreurs 2011). Die Erkenntnis, dass unsere Wirtschafts- und Lebensweise die Regenerationskraft der Natur überfordert, rückt seitdem immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Dennoch scheint es, als werden aus dieser Erkenntnis nicht die richtigen, die konsequenten Schlüsse gezogen, weder im Hinblick auf die zeitliche, noch auf die qualitative und quantitative Dimension.

Alle Analysen zeigen: Die Menschheit lebt ökologisch auf Pump, sowohl hinsichtlich der zur Verfügung stehenden endlichen und nachwachsenden Ressourcen, als auch hinsichtlich der Aufnahmekapazität für Schadstoffe. So verbrennen wir an einem Tag soviel Kohle, Gas und Erdöl, wie die Natur in 500.000 Tagen angesammelt hat (Alt 2004). Aber auch der Verbrauch erneuerbarer Ressourcen wächst immer schneller. Der World Overshoot Day, also jener Tag im Kalender, von dem ab der Ressourcenverbrauch die jährlich dauerhaft nutzbare Kapazität der Erde zur Regeneration dieser Ressourcen übersteigt, rückt jedes Jahr weiter nach vorne. 1990 war dieser Tag am 7. Dezember. Im Jahr 2010 war der Overshoot Day schon am 21. August.

Umdenken und umsteuern ist dringend geboten – ansonsten zerstören wir die Lebensgrundlagen dauerhaft. Aber dieses Umsteuern, diese Transformation, ist nicht nur ökologisch unabdingbar, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive überlebensnotwendig.

Der ehemalige Weltbank-Ökonom Nicholas Stern hat 2006 vorgerechnet, dass die Kosten eines ungebremsten Klimawandels in der Zukunft wesentlich höher liegen werden (bis zu 20% des globalen Bruttoinlandsprodukts BIP p.a.) als diejenigen eines vorsorgenden Klimaschutzes in der Gegenwart (etwa 1-2% des globalen BIP p.a.). Schon heute wird ein immer größerer Teil unseres BIP benötigt, um Umwelt- oder Gesundheitsschäden zu reparieren. Exemplarisch hierfür sind die Milliardenkosten zur Eindämmung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Folgen der Explosion der Ölförderplattform Deepwater Horizon oder die Atomkatastrophe in Japan, deren Kosten noch nicht einmal in groben Umrissen erkennbar sind. Es sind diese ökonomischen Folgewirkungen, die die drohende ökologische Katastrophe für die breite Gesellschaft aus einem Ökologiethema zu einem Kernthema der Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsmodells machen.

 

Herausforderung globale Perspektive – Gerechte Chancen für 9 Milliarden Menschen

Unsere Art zu wirtschaften und zu konsumieren ist nicht global exportierbar. Die Schwellenländer wachsen rasant, die Entwicklungsländer brauchen eine Perspektive. Zudem werden im Jahr 2050 schätzungsweise 9 Mrd. Menschen die Welt bevölkern. Aber schon jetzt lebt die Menschheit auf Kosten des Naturkapitals und ohne Rücksicht auf Verluste. Das Artensterben hat sich dramatisch beschleunigt, täglich werden 20.000 ha Ackerland zerstört (das entspricht der Fläche von ca. 24.000 Fußballfeldern) und 50.000 ha Wald abgeholzt. Wasser ist vielerorts knapp, die Meere überfischt und wichtige Rohstoffe werden rar und teuer. So haben sich die Preise für Kupfer, Aluminium und Seltene Erden in den letzten Jahren vervierfacht. Dieser Raubbau mindert nicht nur die Lebenschancen zukünftiger Generationen, er negiert auch das Ziel globaler Gerechtigkeit. Heute verbrauchen 20% der Menschen ca. 80% der Ressourcen. Bei der ungleichen Verteilung der Lebenschancen weltweit darf und wird es nicht bleiben. Schon jetzt fordern aufstrebende Schwellenländer mehr ein.  

Globaler Wohlstand und soziale Gerechtigkeit müssen mit den Grenzen eines endlichen Planeten vereinbar gemacht werden. Dabei stehen wir vor einem Dilemma: Global betrachtet treibt jedes Prozent mehr Wachstum die ökologische Zerstörung voran und Leidtragende sind wiederum die Menschen in den armen und ärmsten Ländern dieser Erde. Der Klimawandel und der daraus folgende Anstieg des Meeresspiegels zerstört Küstengebiete und damit dringend benötigte Bau- und Ackerfläche. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt aber im 50 km breiten Küstenstreifen. Andererseits verringert jedes Prozent weniger Wachstum die Chance für Millionen Menschen, der Armutsfalle zu entkommen. Dr. Franz-Josef Radermacher, vor allem bekannt durch sein Engagement in der Global Marshall Plan Initiative, formuliert dies so: „In einer Welt größter Not – und so sieht die Lage für die meisten Menschen aus – ist Wachstum dringend erforderlich.“

 

Herausforderung Wachsen im Einklang mit der Natur - Green Growth als Ausweg aus dem Wachstumsdilemma?

Manche Bereiche unserer Wirtschaft werden in der Dimension einer grünen industriellen Revolution wachsen müssen, andere werden schrumpfen. Die herkömmliche fossile Energieversorgung sitzt auf einem sterbenden Ast, das ausufernde und ineffiziente Transportwesen, vor allem, wenn es auf den Autobahnen stattfindet muss anders gelöst werden. Die Agrarindustrie kann nicht in dem vorhandenen Maße fortgeführt werden.

Eine konsequente Gebäudesanierung, neue Mobilitätskonzepte, die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, vor allem auch in der Landwirtschaft hingegen sind keine idealisierten Ökospinnereien sondern lösungsorientierte Ansätze, wie erste Antworten auf die aktuellen und zukünftigen Probleme und Herausforderungen gegeben werden können.

Die grüne industrielle Revolution verlangt gigantische Investitionen und wird deshalb auch Wachstumseffekte auslösen. Es wäre aber falsch, nun generell ein neues Wachstumszeitalter auszurufen. Auch ein „Green Growth“ ist nicht per se nachhaltig, weil die Effizienzgewinne durch eine höhere oder geänderte Nachfrage teilweise wieder aufgezehrt werden (Andreae; Jänicke; Reuter 2011). Dieses Phänomen wird als Rebound- oder Bumerang-Effekt bezeichnet und stellt eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zu einer absoluten Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch dar (Weizsäcker 2010).

Das Bild unseres zukünftigen Wachstums können wir uns direkt aus der Natur holen. Bei einem ausgewachsenen Baum ist das Höhenwachstum im wesentlichen beendet, doch trotzdem wächst der Baum weiter: Er treibt neue Zweige und Blätter, andere Zweige sterben ab. Auch ein historischer Vergleich der Wachstumszahlen deutet darauf hin, dass die Industrieländer mit immer geringeren Wachstumsraten auskommen werden müssen (Reuter 2010; Enderlein, Miegel, Paqué, Reuter 2011). Sogar die EU hat sich bereits von einem quantitativen Wachstumsziel der Lissabon-Strategie (Ziel: 3% Wachstum) verabschiedet und setzt mit smart growth, sustainable growth und inclusive growth nun auf die Qualität des Wachstums und zwar sowohl in ökologischer, als auch in sozialer Hinsicht (Jänicke 2011, EU Commission 2010).

Grüne Wirtschaftspolitik strebt eine absolute technologische Entkopplung von unserer Form des Wirtschaftens und dem Naturverbrauch an. Dies würde bedeuten, dass der Ressourcenverbrauch sinkt, selbst wenn die Wirtschaft wächst. Ob dies gelingen kann, ist offen. Hinzu müssen politische und gesellschaftliche Maßnahmen treten, die Umweltschutz sowie Chancen- und Generationengerechtigkeit stärken, wie der Schutz der Gemeingüter, gerechter Zugang zu Arbeit und Einkommen und stabile soziale Sicherungssysteme.

 

Strategien für eine ressourcenleichte und emissionsarme Wirtschafts- und Lebensweise

An dieser Stelle kann nur beispielhaft angerissen werden, mit welchen Vorschlägen grüne Wirtschaftspolitik den Transformationsprozess unterstützt. Der Katalog an Maßnahmen ist vielfältig. Wachstumszwänge und Wachstumsdränge, wie Binswanger die wirtschaftliche und gesellschaftliche Logik und deren Voraussetzungen nennt, gilt es, in den Blick zu nehmen.

Strategie 1: Industrieländer als Vorreiter

Unsere hochentwickelte Industriegesellschaft sollte eine Vorreiterrolle einnehmen. Aus drei Gründen: Die Schwellen – und Entwicklungsländer kopieren das umweltzerstörerische Wachstumsmodell der Industrieländer. Es ist unsere Aufgabe, die Stellschrauben unseres Wirtschafts- und Sozialmodells neu zu justieren und Wohlstand und Lebensqualität auch ohne Raubbau an der Natur zu gewährleisten.

Hinzu kommt die (historische) Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel. „Die kumulierten CO2-Emissionen in den USA belaufen sich auf 1.000 Tonnen pro Kopf, in China auf 60, in Indien auf 25 und in Deutschland auf fast 800.“ (Weizsäcker, 2010) Dementsprechend größer muss der Beitrag der Industrieländer zur Reduzierung der Emissionen sein. Wenn also der weltweite Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2050 auf ein Drittel reduziert werden muss, um das 2-Grad-Ziel einzuhalten, bedeutet das für uns, unsere Emissionen auf ein Zehntel des heutigen Niveaus zurückzufahren (Loske 2010).

Schließlich haben wir ein veritables Interesse an der Entwicklung ökologischer Technologien, effizienterer Produktionsstrukturen und besserer Produkte. In den heutigen Schwellen- und Entwicklungsländern sind die Absatzmärkte der Zukunft, dort sind aber auch die Wettbewerber und die Zulieferketten. Schneller Technologietransfer aus den Industrie- in die Schwellen- und Entwicklungsländer eröffnet diesen einen ressourcensparenden und klimaschonenden Weg der wirtschaftlichen Entwicklung.

Strategie 2: Auf Marktkräfte setzen

Wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt sind, dann sind Markt und Wettbewerb sehr wirksame Suchmechanismen nach den besten Lösungen (Grüne Marktwirtschaft 2007). Was heißt das konkret:

Das Ordnungsrecht muss klare Leitplanken abstecken, z.B. werden durch verbindliche Grenzwerte und Standards bei Produktionsprozessen und Produkten Anreize für Weiterentwicklungen und Innovation gefördert. Zudem brauchen wir ein Anreizsystem, das privates Kapital in die die ökologische Modernisierung, in intelligente und flexible Stromnetze, in Gebäudesanierung und Ressourceneffizienz lenkt. Schließlich wollen wir die Nachfragemacht mündiger Verbraucherinnen und Verbraucher nutzen. Information und Transparenz über Produktion, Lieferketten, Transport und andere Faktoren müssen umfassend und klar sein. Zielführend ist eine Berichtspflicht für Unternehmen über ihre Emissionen, so wie dies in den USA gehandhabt wird. Der öffentlichen Hand kommt eine Vorbildrolle zu. Schließlich sendet die Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten Impulse für eine umweltfreundliche Produktion. Nötig ist ein nationaler Aktionsplan für öffentliche Beschaffung nach ökologischen, sozialen und innovativen Kriterien.

Umweltziele, Leitplanken und Ordnungsrecht lassen sich mit der sozialen Marktwirtschaft vereinbaren, mehr noch, sie entwickeln die soziale Marktwirtschaft im Sinne einer grünen Marktwirtschaft nach ökologischen Kriterien weiter. Ein solches Wirtschaftsmodell unterlegt einen gestaltenden Staat, deren Akteure sich ihrer Verantwortung national und global bewusst sind.

Strategie 3: Rapide Erhöhung von Ressourcenproduktivität und -effizienz

Die Erhöhung der Energie- und Ressourcenproduktivität ist der Kern der grünen industriellen Revolution (Weizsäcker 2010). Hier gibt es enormes Verbesserungspotential: 95% der eingesetzten Rohstoffe gehen derzeit verloren, bevor ein Produkt überhaupt auf den Markt kommt.

Für diese Strategie haben wir mit Produktion und Konsum zwei Ansatzpunkte. Vom Standpunkt der Produktion gesehen, stammen zwei Drittel der EU-27 Emissionen aus der Wirtschaft. Aus der Konsumperspektive betrachtet, verursachen die Verbraucher/innen über die Hälfte der Emissionen (Radermacher, W. 2011). Das bedeutet, dass wir nicht nur die Produktionssphäre unserer Gesellschaft in den Blick nehmen dürfen, sondern wir müssen auch Wege für nachhaltige Lebens- und Konsumstile eröffnen. Jeder Einzelne ist gefragt, sein Handeln zu überprüfen. Manches wäre schon gewonnen, wenn die Menschen mehr über die Konsequenzen ihrer Lebensgewohnheiten und ihres Konsums nachdenken – und eventuell ändern würden.

Eine Effizienzstrategie bringt den Unternehmen und den Verbrauchern direkte Vorteile. So können die grünen Maßnahmen unmittelbar am Gewinninteresse der Unternehmen bzw. am Sparinteresse der Haushalte ansetzen. Im verarbeitenden Gewerbe verursachen Materialkosten derzeit über 40 Prozent der Kosten. 100 Mrd. Euro könnten jährlich eingespart werden, wenn die Produktion deutlich material- und energieeffizienter wird. Schon mit der heute verfügbaren Technologie kann in Deutschland und Europa der Endenergieverbrauch um 20 – 30% gesenkt werden, wenn energieeffiziente Anlagen zum Einsatz kommen und Gebäude vernünftig gedämmt werden (Henzelmann, 2010). Was gut ist für die Umwelt rechnet sich also auch für die Unternehmen und Verbraucher/innen.

Um die Effizienzstrategie wirksam voranzubringen, muss diese Thematik stärker in universitäre Forschung und Lehre einbezogen (Kristof, Hennicke, MaRess-Konsortium 2010) und Innovationen stärker gefördert werden. Gefragt ist das gesamte kreative Potenzial und dabei vor allem auch die Fähigkeiten und der Ideenreichtum von Neugründungen und von kleineren Unternehmen.

Nötig ist ein breites Innovationsverständnis, dass technische und nicht-technische Produkt- und Prozessinnovationen umfasst. Das Leitbild ist die Frage „Wer wird was in Zukunft brauchen“, mit anderen Worten: Entscheidend sind lösungsorientierte Produkte und Dienstleistungen – und vermehrt auch die Kombination aus beidem. Der Wunsch nach individueller Mobilität kann mit einem eigenen Auto oder eben auch mit einem Car-Sharing-System erfüllt werden, „Besitzen“ wird durch „Nutzen“ ersetzt. Produkte können individualisiert erst auf Bestellung gefertigt werden, so dass Überproduktion vermieden wird. Hier liegt riesiges Potential für eine höhere Ressourcenproduktivität und auch ein großes Feld für neue innovative Geschäftsmodelle.

Große Bedeutung kommt der Kreislaufwirtschaft zu: Die Verantwortung des Herstellers zur recyclinggerechten Produktherstellung, eine EU-Ökodesign-Richtlinie, die bei der Entwicklung von Produkten die Wiederverwertbarkeit der Rohstoffe sichert, dynamische Effizienzstandards (Top-Runner), eine deutliche Verlängerung der Garantiezeiten und nicht zuletzt ausgebaute Rücknahmegarantien sind nur einige Beispiele, wie die Langlebigkeit von Produkten deutlich verbessert werden kann. Kreative Lösungen, die zu einer besseren Auslastung von Produkten führen (z.B. Produkt-Service-Systeme), müssen bessere Bedingungen bekommen und dadurch für die Nutzer/innen attraktiver werden.

Derzeit wird unter einer Rohstoffstrategie – sei es national oder auf globaler Ebene- vor allem die Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen verstanden. Oft unter geringer bis keiner Berücksichtigung der Arbeitsbedingungen und der ökologischen Folgen in den jeweiligen Abbauregionen. Dies ist nicht akzeptabel. Der Zugang zu Rohstoffen ist wichtig – gerade für die Hochtechnologie im Umwelt und Energiebereich. Aber der Schwerpunkt muss zielgerichtet auf Effizienz, Recycling und Substitution ausgerichtet sein und z.B. Abfälle als Rohstofflager und nicht als Verbrennungsmüll verstehen.

Ideen gibt es viele: So müsste Ressourceneffizienz als Förderschwerpunkt in existierenden Förderprogrammen etabliert werden. Wissens- und Technologietransfer in kleine und mittlere Unternehmen z.B. via Innovationsagenten und Innovationslaboren[1] muss stärker unterstützt, Universitätspartnerschaften z.B. im Sinne „virtueller Ressourcenuniversitäten“ (Kristof, Hennicke, MaRess-Konsortium 2010) initiiert und Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen in KMU gefördert werden.

 

Strategie 4: Neue Lebens- und Konsumstile

Green growth, die grüne industrielle Revolution, Hochtechnologie und Technologietransfer sind Bausteine, um der globalen ökologischen Krise entgegenzuwirken. Aber ausreichen wird dies nicht. Nicht nur angesichts der beschriebenen Rebound-Effekte, werden wir unser Konsumverhalten grundsätzlich überdenken müssen. Es geht auch um individuelle Verantwortung. Schließlich gilt grob: Wenn alle Menschen auf unserem Planeten so leben würden wie wir, bräuchten wir zweieinhalb Erden. Um Verhaltensänderungen anzustoßen, muss stärker in unser aller Bewusstsein gelangen, dass wir auf Kosten der Menschen auf der Südhalbkugel und auf Kosten der Zukunft leben und dass jede und jeder Einzelne daran etwas ändern könnte. Das ist wichtig, weil es letztlich an den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt, ob die Ressourceneinsparpotentiale innovativer Produkt- und Serviceideen tatsächlich realisiert werden. So bieten z.B. moderne Smartphone vielfältige Funktionen wie Telefon, Foto/Video, Email, Kalender, Adressverwaltung, Internet, Radio, Fernsehen. Diese Philosophie – alles aus einer Hand – hat das Potenzial, die Anschaffung einiger anderer Geräte zu ersetzen (Kristof, Hennicke, MaRess-Konsortium 2010).

Größte Gefahr besteht beim Export unseres westlichen Lebensstils. Die individuelle Mobilität in Deutschland hat das Ausmaß, dass alle Deutschen auf den Vordersitzen der PKW´s Platz nehmen können. Nichts anderes bedeutet eine 50% Dichte an PKW´s. Sollte sich dies weltweit kopieren, dann können die Autos gar nicht emissionsarm genug sein, um die Biosphäre nicht weit über ihre Grenzen zu belasten. Neue Mobilitätskonzepte, der Vorrang von „Nutzen statt Besitzen“, andere Wohn- und Arbeitsformen – all dies muss forciert vorangetrieben werden. Die ökologischen Folgen der Mobilität sind nicht ausreichend eingepreist, der Weiterentwicklung der ökologischen Steuerreform kommt hier große Bedeutung zu. Aber bspw. auch unsere westlichen Ernährungsgewohnheiten und hierbei wesentlich der hohe Fleischkonsum überfordern letztlich die Kapazitäten der Erde.

Das individuelle Verhalten wird sich nicht dirigistisch verändern lassen – und das ist auch nicht der richtige Ansatz. Vorschriften, wie Menschen zu leben haben, scheitern. Aber Aufklärung und Information, Bildung und Wissen über Zusammenhänge können viel bewirken. Hier ist bspw. unsere Bildungslandschaft – über alle Ebenen hinweg - gefragt. Zielgerichtet wirken auch Preise, die die ökologische Wahrheit sagen, damit nicht mehr das Produkt mit den höchsten sozialen und ökologischen Kosten am billigsten in den Regalen steht.

Strategie 5: Ein neues Navigationssystem für die Politik schaffen

Herkömmliche Wirtschaftspolitik misst ihren Erfolg vor allem am Wachstums. Am Tropf des Wachstumselexiers hängen Arbeitsplätze, stabile soziale Sicherheit, Steuereinnahmen und der dringend nötige Schuldenabbau. Das Krisenjahr 2009 mit 4,2 Prozent Wachstumseinbruch in Deutschland hat gezeigt, wie sensibel diese Systeme auf Wachstumsschocks reagieren. Die Politik hat mit milliardenschweren schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen gegengesteuert. Mit diesen Milliarden bot sich eine große Chance, den ökologischen Umbau vehement voranzutreiben. Die Chance wurde sträflich vertan.

Im Ergebnis feiert die Bundesregierung ein „XXL-Wachstum“ (Brüderle), ohne sensibel dafür zu sein, dass dieser Ausschlag weder nachhaltig, noch ökologisch verträglich ist. Solange aber die Wachstumseuphorie alleine auf dem Bruttoinlandsprodukt beruht, solange werden wir immer wieder mit falschen Schlussfolgerungen konfrontiert sein. Vielmehr brauchen wir ein neues Navigationssystem für die Wirtschaftpolitik, dass auch die ökologischen und sozialen Auswirkungen von Wirtschaftswachstum abbildet.

Das BIP beruht nur auf den Marktpreisen der Güter und Dienstleistungen, die unsere Volkswirtschaft in einem Jahr produziert. Klimawandel, schwindende Artenvielfalt aber auch Gesundheit, ehrenamtliche Arbeit und Einkommensverteilung werden von den Märkten nicht eingepreist und bleiben unberücksichtigt. Das BIP ist als politischer Kompass unzureichend bzw. lenkt politisches Handeln in eine falsche Richtung. Ein neues „Navigationssystem“ muss - bildhaft gesprochen - nicht nur die Geschwindigkeit unseres Wachstums messen, sondern auch Drehzahl und Verbrauch um weitblickendere Entscheidungsgrundlagen zu bekommen.

Vorschläge gibt es zahlreich. Einige Experten präferieren eher einen verdichteten Indikatorensatz, ein sogenanntes „Dashboard“, wie z.B. der Vorschlag des Sachverständigenrats (2010), die Indikatoren der EU-Nachhaltigkeitsstrategie oder auch der Schlussbericht der Stiglitz-Kommission (2009), wobei es jeweils um eine Ergänzung des BIP um andere Wohlstands- und Lebensqualitätsindikatoren geht. Ein solches Dashboard ist allerdings für die politische Kommunikation zu komplex und eher für Expertengespräche geeignet.

Besser zu kommunizieren sind Indikatoren, die versuchen verschiedene Entwicklungen in einem einzigen Wert zusammenfassen. Beispiele hierfür sind der deutsche NWI – Nationaler Wohlfahrtsindex, Bhutans Bruttonationalglück oder der HDI – Human Development Index der UN. Allerdings ist die Zusammensetzung des Indikators und die Gewichtung seiner Bestandteile subjektiv und durch die starke Zusammenfassung der Daten gehen Informationen und damit Aussagekraft verloren.

Der Königsweg könnte ein mehrdimensionales Indikatoren-Set sein, dass in mehreren integrierten Indikatoren die materielle, soziale und ökologische Dimensionen von Wohlstand und Lebensqualität abbildet (Wahl, Schulte, Butzmann 2010)


[1]              Innovationsagenten im Sinne von Beratern/innen, die im Unternehmen fehlendes Wissen und Know-how einbringen und im Sinne von Business Angels, die das erforderliche Kapital und Kontakte beisteuern. Innovationslabore stellen Infrastruktur für die Kooperation von Unternehmen und Forschungsinstitutionen, um unternehmensübergreifende Innovationsprozesse zu ermöglichen. (Kristof, Hennicke, MaRess-Konsortium 2010)