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02
Mär
17

Gründungskapital statt Abwrackprämie

Von Katharina Fegebank und Kerstin Andreae - erschienen in gekürzter Fassung als Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau

Als die Große Koalition 2013 antrat, kündigte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vollmundig die „neue Gründerzeit“ an. Heute lässt sich nüchtern feststellen: Die Gründerzeit ist ausgefallen. Allein in 2015 ging die Zahl der Existenzgründungen um 17 Prozent zurück. Der Rückgang betrifft nicht nur diejenigen, die sich mangels Alternative aus der Arbeitslosigkeit heraus gründen. Auch die Zahl derjenigen, die einfach gründen, weil sie eine gute Idee haben, schwindet. Wer nicht nur etwas bewahren, sondern auch etwas bewegen will, hat bei Union und SPD keine Lobby. Wo Schwarz-Rot regiert, kommt im Zweifel immer Abwrackprämie vor Gründungsförderung.     

Das kommt uns alle teuer zu stehen. Denn die fehlenden Unternehmensgründer von heute sind die Arbeitslosen von morgen. Seit 2011 wurden in Deutschland über 1 Million neue Jobs alleine von Existenzgründerinnen und Existenzgründern geschaffen. Außerdem lähmen fehlende Gründungen die Innovationskraft. Wer sorgt zum Beispiel für ökologischen Fortschritt in der Autoindustrie? Der Goliath Volkswagen oder der David Tesla?

Wir dürfen Gründung aber nicht nur auf ihre wirtschaftliche Bedeutung verengen. Unternehmensgründung ist gelebte Emanzipation und Integration.

Gerade Frauen nutzen Existenzgründung als Strategie, um Familienarbeit und Erwerbstätigkeit freier vereinbaren zu können oder nach einer Kinderpause wieder in die Erwerbsarbeit einzusteigen.

Auch Migrantinnen und Migranten als fleißigste Gründer nutzen Existenzgründung für Einstieg und Aufstieg. Für viele Flüchtlinge kann die Selbstständigkeit ihr Weg in die Selbstbestimmung sein. In Deutschland liegt der Anteil von Selbstständigen bei 11 Prozent. In Syrien liegt er bei 34 Prozent. Es ist eine große Portion frischer Gründermut nach Deutschland eingewandert. Machen wir doch was draus!

Was ist also zu tun, damit wieder häufiger gilt: Make a job, don’t take a job? Die Liste ungemachter politischer Hausaufgaben ist lang: Steuervereinfachungen, Bürokratiepause, soziale Absicherung.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass am Anfang ein starkes Signal des Aufbruchs steht. Hier setzt unser Grünes Gründungskapital an: Jeder, der sich in Deutschland selbstständig macht, bekommt einmalig ein flexibles, steuerfreies und zinsloses Darlehen bis zu 25.000 Euro. Das Darlehen soll zu Beginn der Gründung ausbezahlt werden. Es soll unbürokratisch sein und allen offen stehen. Erst wenn das Unternehmen Fuß gefasst hat, beginnt die Rückzahlung – mit frei festzulegenden Raten ab 250 Euro im Monat.

Wer im Nebenerwerb gründet, bekommt bis zu 10.000 Euro. Und wer eine besonders aussichtsreiche Hightech-Gründung plant, bekommt mit dem Gründungskapital Plus bis zu 100.000 Euro als Finanzierung zum bereits eingeworbenen Kapital hinzu.

Die einzige Voraussetzung für das Grüne Gründungskapital ist, dass man eine gute Beratung durchlaufen hat. Wie bei KfW-Krediten auch wird es eine Liste von Beratern geben, die das Konzept prüfen und die Förderung zulassen. Mit dieser Bescheinigung kann dann bei jeder Bank das Grüne Gründungskapital ausgezahlt werden. So nutzen wir die vorhandene Kompetenz von Kammern, Kommunen und Beschäftigungsträgern.

Mit dem Grünen Gründungskapital setzen wir bei einem der größten Probleme für Existenzgründerinnen und Existenzgründer an: der Finanzierung. Die Kreditverfügbarkeit ist neben dem Bildungssystem der Bereich, in dem sie dem Standort Deutschland die schlechtesten Noten geben.

Gründungen sind bei uns wesentlich stärker von Finanzierungsschwierigkeiten betroffen als etablierte Unternehmen, und unter den Gründungen haben es wiederum die Migrantinnen und Migranten besonders schwer. Mehr als jeder Vierte unter ihnen beklagt einen mangelnden Zugang zum Kapital.

25.000 Euro entsprechen dem maximalen Finanzierungsbedarf von rund Dreiviertel aller Existenzgründer. Die Summe ist nicht hoch genug, um Fachkräfte aus bestehenden Unternehmen in die Selbstständigkeit zu „überreden“. Sie ist aber durchaus so hoch, dass ein wünschenswerter Druck auf Arbeitgeber in Branchen wie der Gastronomie oder bestimmten sozialen Diensten entsteht. Hier wird sich mancher anstrengen müssen, damit ihm seine Mitarbeiter nicht in die Selbstständigkeit fliehen. Auch kann der Anreiz zur Gewerbeanmeldung zu einer Verminderung von Schwarzarbeit führen.

Klar ist: Das Grüne Gründungskapital löst nicht alle Probleme. Es ersetzt auch keine gute Infrastruktur vom Gründerzentrum bis zum Co-Working-Space. Es bietet aber ein einfaches und unbürokratisches Finanzierungsinstrument, das die gesamte Breite von Existenzgründungen erreicht. Und es gibt vielen Selbstständigen eine Sicherheitsreserve für die kritischen ersten beiden Jahre.

Vor allem jedoch setzt es ein starkes gesellschaftliches Signal für neuen Gründermut. Mit dem Grünen Gründungkapital kann uns gelingen, woran die Große Koalition gescheitert ist: Wir schaffen eine „neue Gründerzeit“. Wir sorgen dafür, dass keine gute Unternehmensidee verloren geht und neue Ideen angestoßen werden.

Und wenn Sie uns fragen: Was ist euch Grünen eigentlich jemand wert, der nichts hat als eine Idee und den Mut, sie umzusetzen? Dann antworten wir: Mehr als eine Abwrackprämie. Eine echte Chance.

Katharina Fegebank (Bündnis 90/Die Grünen) ist seit 2015 Zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung in Hamburg.

Kerstin Andreae ist Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2012 Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen